Bank 2.0 Expertenblog: Mobile Brieftasche von Google – eine Zeitenwende?

Ich muss zugeben – das war überraschend für mich.  Die Gerüchte über Googles Aktivitäten zu M-Payments und möglicher Partnerschaften mit Citi und Mastercard köcheln zwar schon lange. Aber vor gerade mal zwei Wochen gab es noch ein klares Statement von Google gegen die Emulation von (Payments-)Karten mit der Android NFC-Schnittstelle – zu wenig Standardisierung in der Hardware, zu wenig Speicher im Secure Element und “Open NFC” ist doch sowieso viel spannender für neue Applikationen. Gestern nun lässt Google die Bombe platzen – das Unternehmen bringt die Google Wallet mit einer eigenen Prepaid-Karte in Kooperation mit Mastercard auf den Markt, und zwar noch in diesem Jahr.
War das der lang erwartete Urknall für NFC und Mobile Payments? Zumindest setzt kein anderer großer Tech-Player derzeit so massiv auf diese Themen wie Google. Für das iPhone gibt es Gerüchte aber keine Fakten, RIM möchte zumindest mal ab nächsten Sommer NFC-Chips in Blackberrys einbauen, Microsoft scheint dieses Thema noch gar nicht auf der Agenda zu haben und Nokia, noch vor einigen Jahren ein Treiber von NFC mit recht bescheidenem Erfolg, könnte mit der derzeitigen strategischen Fokussierung auf “Open NFC” wieder mal eine Führungsrolle an Google abgeben, nämlich die für “Secure NFC”.
Google scheint auf den ersten Blick auch alles richtig zu machen – ein offenes System für alle Stakeholder, die notwendige Kooperation mit den Experten im Payments-Bereich (Mastercard, Citi, First Data) und die Nutzung der bestehenden Payments-Infrastruktur um die 120.000 bestehenden Akzeptanzstellen in den USA für Mastercard PayPass zu nutzen. Und – vor allem – die konsequente Verknüpfung der Bezahlung mit anderen Diensten wie Incentives, Couponing und Google Search um für den Kunden einen Mehrwert im Vergleich zu etablierten Bezahlsystemen wie z.B. Karten zu bieten.
Und doch gibt es offene Fragen, die für den Erfolg von Google kritisch sein dürften – werden ausreichend Handys mit NFC-Chips ausgestattet werden? Google produziert im Gegensatz zu Apple, RIM und Microsoft/Nokia die Geräte nicht selbst. Kann Google aufgrund seiner Positionierung im Mobile-Ökosystem die Google Wallet auf die Handys der Mitbewerber bringen, um die kritische Masse an Anwendern zu erreichen?  Ein neutraler Player wie z.B. PayPal oder Visa hätte da als Anbieter einer NFC-Wallet deutlich bessere Chancen, diese auf alle Smartphones zu bringen. Und kann Google ein eigenes Secure Element (das sich wohl als Lösung abzeichnet) gegen den (wahrscheinlichen) Widerstand der Mobilfunk-Unternehmen durchsetzen? Für Vodafone, Telekom und Co. ist die Kontrolle des Secure Elements, und die Etablierung der SIM-Karte als ebendieses Basis des eigenen Geschäftsmodells. Selbst Apple musste hier schon einen Rückzieher machen. Und mit dem gemeinsamen Projekt ISIS haben die TelKo’s den wohl größten Gegenspieler zu Google in den USA am Start.
Aber Googles Ankündigung zeigt deutlich – 2011 ist das Jahr von NFC. Und für die Finanz- und Payments-Industrie ist der 26. Mai 2011 vielleicht ebenso wichtig wie einst der 28. Juni 2007 für die Mobilfunk-Industrie.

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Über den Autor:

Dr. Danny Fundinger ist Management Consultant der Cirquent GmbH. Er kommt aus der IT und hat nach einem wissenschaftlichen Abstecher in die Chaos-Theorie das Banken-Wesen und den Zahlungsverkehr für sich entdeckt. Als Experte für Mobile Payments bei Cirquent ist für ihn zudem der branchen-übergreifende Blick auf das große Ganze und insbesondere in die Welt des Mobilfunks gefragt.

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